Thomas Piesbergen im Interview mit Tredition
Thomas, du hast viele Jahre an Deinem Asterion-Zyklus gearbeitet - und jetzt endlich veröffentlichst du den ersten Band. Wann hast du das Projekt eigentlich begonnen und wie hat es Gestalt angenommen?
Tatsächlich ist es 18 Jahre her, dass ich die Idee entwickelt habe. Der erste Entwurf hat damals sofort einen Lektor bei Droemer&Knaur begeistert. Ich habe den Roman nach seinen Anregungen gründlich überarbeitet, doch leider hat der Verlag kurz darauf das "High Fantasy"-Segment, in das ich einsortiert worden bin, bis auf Weiteres eingestellt. Aber da hatte ich schon das Konzept für alle fünf Bände beisammen und habe einfach weitergemacht.
Worum geht es im ersten Band „Der weiße und der rote Mond“?
Die beiden Freunde Jonathan und Henri werden durch ein Rollenspiel in eine fremde Welt namens Asterion versetzt. Dort erfasst sie ein Sog von Machtkämpfen, Magie, religiösem Wahn, Liebe und Gewalt. Auf der verzweifelten Suche nach einem Weg zurück in ihre Realität geraten sie in die Fänge übernatürlicher Wesen, werden sie von mysteriösen Söldnern gejagt und von Nomaden verschleppt. Hinter alldem jedoch verbergen sich die Machenschaften eines grausamen Kultes, der versucht, ein uraltes Dämonengeschlecht aus der Verbannung zu befreien.
Immer wieder wird die Freundschaft von Jonathan und Henri auf die Probe gestellt, nicht zuletzt von einer großen, unerwarteten Liebe, die zwischen die beiden tritt. Sie werden bis an die Grenzen ihrer selbst gezwungen - und darüber hinaus.
Zur selben Zeit macht sich die geheimnisvolle Qyü auf den Weg in die von Menschen bewohnten Regionen von Asterion …
Für welche Zielgruppe hast du den Roman-Zyklus geschrieben?
Er ist für alle jungen Erwachsenen und Jugendliche ab 15 Jahren gedacht – aber auch ganz allgemein für Leser*innen, die offen sind für Literatur mit fantastischen Elementen jenseits von Genre-Klischees.
Nun gibt es ja eine unüberschaubare Zahl von Fantasy-Romanen. Was macht deinen so besonders?
Im Zentrum der Geschichte steht vor allem das Coming-of-Age der gegensätzlichen Hauptfiguren. Zwar gibt es auch eine epische Herausforderung, fremdartige Wesen und Magie, aber ich habe versucht, alles so realistisch wie möglich zu gestalten.
In der Welt, dich ich erschaffen habe, verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse, es gibt keine einfachen Lösungen. Werte wie Aufrichtigkeit, Selbstachtung und Liebe werden vor diesem Hintergrund viel wichtiger als fiktive Größen wie „Schicksal“, „Pflicht“ oder „Prophezeiung“, die sonst häufig bemüht werden. Stilistisch habe ich darauf geachtet, jede Szene unmittelbar, plastisch und sinnlich zu gestalten. Ich lege auch sehr viel Wert darauf, dass die Sprache Rhythmus, Farbe und Melodie hat.
Wie es scheint, nimmst du das Schreiben sehr ernst. Wenn du mir eine herausragende Eigenschaft von dir nennen solltest, welche wäre das?
Wahrscheinlich meine Neugier. Ich möchte den Dingen auf den Grund gehen und habe kein Interesse an Oberflächlichkeiten. Das bedeutet nicht nur, dass ich versuche eine konsequent durchdachte Welt zu erschaffen, sondern auch, dass ich anderen Menschen unbedingt unvoreingenommen begegnen möchte – im wahren Leben, wie auch in meinen Büchern. Mich interessiert, was sie zu dem gemacht hat, was sie sind. Dabei geht es mir nicht nur um die Hauptfiguren, sondern auch um die Antagonist*innen. Ich glaube nicht an „das Böse“. Aber es gibt Menschen, die auf eine Weise beschädigt worden sind, dass sie ihr Mitgefühl verloren haben und nur noch destruktiv agieren können. Ich möchte meinen Leser*innen das Gefühl geben, wirklichen Menschen zu begegnen, nicht nur den üblichen Stereotypen des Genres. Auch die Schauplätze versuche ich so intensiv zu gestalten, wie möglich. Die Leser*innen sollen später das Gefühl haben, sie wären selbst dort gewesen.
Woher nimmst du deine Ideen für die Geschichten und das Worldbuilding?
Den äußeren Rahmen hat zunächst ein Rollenspiel geliefert. Aber meine Themen sind ganz grundlegende: Wer bin ich eigentlich und wie will ich mit anderen zusammen leben – in einer Welt, die immer gefährdeter und zugleich bedrohlicher wird. Dabei beziehe ich mich auf gegenwärtig drängende Probleme wie Fremdenfeindlichkeit, soziale Spaltung, Kriegstreiberei und Machtgier. Ich suche nach deren Ursachen und nach einem möglichen Umgang damit. Als ich die Welt von Asterion erschaffen habe, hat mir mein Studium der Ethnologie- und Archäologie sehr geholfen. Besonders interessieren mich Gesellschaften, die ein ganz anderes Selbstverständnis haben, als unsere. Das hilft nicht nur, neue, aufregende Kulturen zu entwerfen, sondern auch unsere Konventionen zu hinterfragen – und gegebenenfalls über den Haufen zu werfen, um neue Ideen zu entwickeln. Welches Genre könnte sich dafür besser eignen als Fantasy?
Außerdem beschäftige ich mich viel mit Kulturgeschichte, Philosophie, Neurowissenschaften und vergleichender Religionswissenschaft.
Womit verbringst du deine Zeit, wenn du keine Bücher schreibst?
Ich unterrichte seit vielen Jahren kreatives Schreiben an privaten Hochschulen und arbeite als Vermittler für zeitgenössische Kunst, d.h. ich halte Einführungsreden und schreibe Texte für Künstler*innenbücher. Zum Ausgleich spiele ich in zwei Bands, für die ich auch komponiere und texte. Außerdem bin ich leidenschaftlicher Schallplattensammler. Und ich lese, lese, lese …
Wie geht es für dich weiter?
Hoffentlich wie jetzt, nur noch besser! Gerade arbeite schreibe ich an dem fünften und letzten Band des Asterion-Zyklus’. Und ich plane, meine Erfahrungen aus 16 Jahren Schreibwerkstatt in einem Handbuch zusammenfassen. Natürlich gibt es auch noch andere belletristische Projekt, aber die kommen später …
Worauf dürfen sich deine Leser*innen als nächstes freuen? Wann wird es eine Fortsetzung geben?
Der zweite Band des Asterion-Zyklus soll bereits Ende 2026 erscheinen. Diesmal spielt die Handlung in einer Stadt, in der die Figuren zwischen die Fronten eines Umsturzversuchs geraten. Mit Lügenkampagnen und magischen Täuschungsmanövern soll ein totalitäres Regime errichtet werden. Es geht auch um queere und alternative Lebensentwürfe, die in den folgenden Bänden immer mehr Raum einnehmen werden. Es bleibt also spannend ...


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